Rav Oury Cherki

Glaube und Wissenschaft

Aus dem Hebräischen übersetzt von Adalbert Osterried

Tewet 5777



Die Erörterung der Beziehung zwischen Glaube und Wissenschaft bezieht sich hauptsächlich auf zwei Bereiche: das Alter der Welt und den Ursprung des Lebens. Die gängige Theorie der Wissenschaft, die auch wir trotz ihrer Oberflächlichkeit verwenden, besagt, dass die Welt etwa 15 Milliarden Jahre alt ist und der Ursprung des Menschen in der Entwicklungslinie des Affen (oder was ihm nahe kommt) liegt. Die Tora dagegen nimmt an, dass die Welt etwa 6000 Jahre alt ist und der Mensch aus dem Erdschlamm stammt.

Daraus lassen sich vier mögliche Erklärungsmuster ableiten:

1. Die Tora sagt die Wahrheit und die Wissenschaft irrt. Diese Meinung findet sich bei den Befürwortern behaglicher Selbstisolation.

2. Die Wissenschaft ist die Wahrheit und die Tora liegt falsch. Diese Meinung findet sich in positivistischen (rein auf empirische Befunde orientierten) Kreisen.

3. Die Tora sagt die Wahrheit und man könne dies mit der wissenschaftlichen Forschung beweisen. Man bringt Beweise gegen die Evolution und erklärt, Gott habe Fossilien von Anbeginn als Fossilien erschaffen. Gleichfalls werden Erklärungsgebäude über die Relativität der Zeit errichtet, um die riesigen Zeiträume zu verkürzen.

4. Die Wissenschaft ist wahr und die Tora stimmt ihr zu. Belege aus der kabbalistischen Literatur über die Urzeiten vor Millionen von Jahren werden hervorgeholt, Gott habe Welten erschaffen und wieder zerstört und die Tage der Schöpfung hätten sehr lange gedauert. Auch stehe im Midrasch, der erste Mensch habe einen Schwanz gehabt und dergleichen mehr.

Der gemeinsame Nenner der oben genannten vier Methoden ist die fehlgeleitete Annahme, Tora und Wissenschaft würden sich mit einem gemeinsamen Gebiet befassen und die gleiche Frage beantworten. In Wahrheit aber beantwortet die Wissenschaft die Frage nach dem „Was?“, die Tora aber die Frage nach dem „Warum?“. So kann zwischen beiden kein Widerspruch bestehen, aber auch keine Übereinstimmung.

Eine fünfte Vorgehensweise, die von Prof. Yeshayahu Leibowitz vertreten wurde, verlockt in ihrer Einfachheit:

5. Es gibt keinerlei Verbindung zwischen Tora und Wissenschaft, zwischen den Geisteswissenschaften und den exakten Wissenschaften.

Auf den ersten Blick lässt sich diese Formulierung mit unserer Auffassung vereinbaren. Dieser Lösungsansatz ignoriert jedoch die innere Einheit in der Welt Gottes. Derjenige, der die Tora gegeben, hat auch die Wissenschaft begründet. Daher muss das Kettenglied der Verbindung zwischen ihnen gefunden werden. Wir wollen daher die ausgeklügelte Sichtweise Rabbi Abraham Kooks aufgreifen:

6. Es gibt keine Verbindung zwischen Tora und Wissenschaft im Bereich der Fakten. Aber es besteht eine tiefe Beziehung zwischen der Tora und der wissenschaftlichen Entwicklung. Die Aufeinanderfolge der göttlichen Offenbarungen richtet sich an der Notwendigkeit aus, die Gotteserkenntnis des Menschen zu vergrößern. So hat sich auch die Weltsicht des Menschen von der Vorstellung einer Erdscheibe, die das Erkennen einer radialen Welt verstärkt und den Menschen in den Mittelpunkt des Seins stellt, bis zur Auffassung der Erde als Kugel verändert, die den Menschen mit Demut erfüllt, weil er sich wie ein dürftiges Staubkorn im Kosmos wiederfindet. Auf ähnliche Weise änderte sich die Annahme von einer plötzlichen Schöpfung der Welt zu einer Vorstellung von der allmählichen Entstehung des Lebens. Dazu passt die kabbalistische Anschauung der Aufeinanderfolge von Welten und die Lehre vom allmählichen Fortschreiten der Erlösung (Kim'a kim'a, Jerusalemer Talmud, Yoma 14a).